Es beginnt, wie so vieles in Lissabon, im Chiado. 1905 eröffnete Adriano Telles in der Rua Garrett das Café A Brasileira, um den Lissabonnern brasilianischen Kaffee aus Minas Gerais zu verkaufen – und machte das Haus zum Geburtsort der Bica, der portugiesischen Antwort auf den Espresso. Über den Namen erzählt die Stadt zwei Geschichten. Die schönere: Weil der neue, starke Kaffee vielen zu bitter war, warb das Café mit dem Satz „Beba Isto Com Açúcar“ – trink das mit Zucker – und aus den Anfangsbuchstaben wurde BICA. Die nüchterne: Bica heißt schlicht Ausguss, nach der Art, wie der Kaffee aus der Maschine in die Tasse läuft. Vermutlich stimmt die zweite. Erzählt wird trotzdem lieber die erste – am besten neben der Bronzestatue von Fernando Pessoa, der hier Stammgast war.
Dass die Bica dunkel wurde, war kein Zufall, sondern Geographie. Portugal bezog seinen Kaffee jahrzehntelang aus den eigenen Kolonien – allen voran Robusta aus Angola, das Anfang der 1970er zu den größten Kaffeeproduzenten der Welt zählte, fast ausschließlich von portugiesisch geführten Plantagen. Dunkle Röstung, kräftige robustabetonte Blends, Zucker dazu: So schmeckte das Land, Bica für Bica, für Kleingeld an jedem Tresen. Mit der Unabhängigkeit Angolas 1975 brach diese Quelle weg – die Geschmacksprägung blieb.
Und dann, lange nach den meisten anderen europäischen Hauptstädten, kam die helle Röstung doch noch. 2015 eröffnete Fábrica Coffee Roasters im Zentrum – die erste Specialty-Rösterei des Landes, gegründet ausgerechnet von zwei Zugezogenen. Kurz darauf folgte das Copenhagen Coffee Lab, und plötzlich gab es in der Stadt der Bica gewaschene Single Origins im V60.
Wer sehen will, wo diese Bewegung heute steht, läuft den Hügel nach Ajuda hinauf, oberhalb von Alcântara. Dort rösten Anthony Watson und Sofia Gonçalves seit 2018 unter dem Namen Olisipo – dem römischen Namen Lissabons. Watson hat das Rösten in England gelernt und ist später mit dem Fahrrad von Großbritannien bis nach Äthiopien gefahren, um mit Kaffeebauern zu arbeiten. Heute legt das kleine Haus seine Lieferketten offen, sucht den direkten Draht zu Produzenten und beliefert Specialty-Cafés im ganzen Land. Samstags öffnet die Rösterei als Espresso- und Brew-Bar – und ein heller, gewaschener Single Origin als Espresso ist hier kein Fremdkörper, sondern der Grund, warum man den Hügel hochgelaufen ist. Dass sich Lissabons komplette Specialty-Szene in einem Netzwerk namens Lisboa Coffee Evolution monatlich trifft, sagt viel über ihre Größe – und über ihren Ton: Man kennt sich, man hilft sich.
Das Schöne an Lissabon ist, dass nichts davon die Bica verdrängt. Morgens der dunkle Schluck im Stehen, samstags die fruchtige Tasse auf dem Hügel – die Stadt hat nicht umgelernt, sie hat dazugelernt. Vielleicht ist das die eigentliche Lektion: Eine dunkle Tradition ist keine Sackgasse. Sie ist ein Fundament.