Kaffeekultur unterwegs: Rom am Tresen

Wie der Espresso in seiner Heimat getrunken wird: schnell, im Stehen, mittendrin.

Straßenszene vor einem traditionellen südeuropäischen Café

Das Ritual hat eine feste Choreographie, und sie beginnt nicht an der Maschine, sondern an der Kasse. Erst zahlen, dann den Kassenzettel – den scontrino – aufs Blech am Tresen legen, dazu zwei Worte: „Un caffè.“ Mehr braucht es nicht, denn caffè heißt in Italien immer Espresso; alles andere muss man dazusagen. Neunzig Sekunden später steht die Tasse da, daneben ein Glas Wasser. Austrinken, nicken, weiter. Der ganze Vorgang dauert kürzer, als anderswo die Frage nach dem WLAN-Passwort braucht.

Dass die Römer im Stehen trinken, ist keine Eile, sondern System: Am Tresen kostet der Caffè wenig mehr als einen Euro – wer sich setzt, zahlt fürs Sitzen, oft das Doppelte und mehr. Der Tresen ist deshalb der demokratischste Ort der Stadt: Anwältin neben Handwerker neben Tourist, alle für neunzig Sekunden gleich. Wer mag, variiert: macchiato mit einem Tupfer Milchschaum, ristretto noch kürzer, lungo etwas länger, corretto – „korrigiert“ – mit einem Schuss Grappa. Nur eines sollte man wissen: Der Cappuccino gilt als Frühstück. Nach dem Mittagessen bestellt ihn kaum noch ein Römer – verboten ist er trotzdem nicht.

Und dann sind da die Institutionen, keine fünf Gehminuten auseinander. Sant’Eustachio Il Caffè, seit 1938 an der gleichnamigen Piazza, röstet seine Mischung bis heute über Holzfeuer und serviert den berühmten Gran Caffè mit dichter, fast schaumiger Crema – vorgezuckert, wohlgemerkt; wer ihn pur will, sagt „amaro“. Wie genau diese Crema entsteht, gilt als Betriebsgeheimnis: Den entscheidenden Handgriff schirmen die Barista hinter der Maschine ab. Um die Ecke, mit Blick aufs Pantheon, röstet die Tazza d’Oro seit 1944 im eigenen Haus – im Sommer ist ihre granita di caffè con panna, geschichteter Kaffee-Eisschnee mit Sahne, der beste Grund, die Schlange auszuhalten. Und wer es historisch will: Das Antico Caffè Greco an der Via dei Condotti schenkt seit 1760 aus, länger als jedes andere Café der Stadt.

Das Bemerkenswerteste an Rom ist aber nicht das eine berühmte Haus, sondern der Durchschnitt. Die Qualität kommt hier nicht aus dem Experiment, sondern aus der Wiederholung: dieselbe Mischung, derselbe Handgriff, hundertmal am Tag, seit Jahrzehnten. In Tokio, haben wir geschrieben, ist der Kaffee der Text – in Rom ist er die Interpunktion. Ein Komma am Vormittag, ein Punkt nach dem Essen. Und genau das kann man mitnehmen: Espresso nicht immer als Projekt, sondern manchmal einfach als Pause. Im Stehen. Mittendrin.

2. June 2026 · Verfasst von: Lucas, KudW Team

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